Dortmund, 4. Februar 2003

Es gab mal eine Sendereihe im Fernsehen, die hieß "Wir über uns". Ich kann schlecht ich über mich
schreiben, aber genau das ist es.

Wie ich zum Stierkampf gekommen bin?

Wahrscheinlich, wie jeder stinknormale Tourist es das erste Mal erlebt. Man hört nur, was die, die
es ja ganz genau wissen, einem so erzählen: Mord und Totschlag und Gestank.
Ich interessiere mich sehr für Sprachen und immer wenn ich irgendwo im Ausland bin, dann
versuche ich, so gut wie möglich die Menschen dort zu verstehen. Das meine ich nicht nur
sprachlich. Wir, mein Mann und ich, wollen nicht die ausgetretenen Touristenpfade, sondern das
was das andere Land ausmacht, die Mentalität der Menschen und wie sie essen und leben, sehen.
Eines Tages sind mein Mann und ich während einer Mallorcareise in Palma durch eine kleine
Gasse geschlendert, in der haben die Besucher einer Kneipe auf einem Fernseh-Apparat mehr
oder weniger lautstark Stierkampf verfolgt. Wie das in Spanien so üblich ist, waren Fenster und
Türen weit offen. Jeder konnte, auch von der Straße aus, sehen was so abging.
Ich bin stehen geblieben und war von den Farben, den Bewegungsabläufen und der Atmosphäre
fasziniert. Vor allem aber von der Hingabe der Fernsehzuschauer.
Natürlich war es blöd so auf der Straße zu stehen und da den anderen ins Fenster zu sehen, aber
ich war fasziniert und wollte mehr. Ich muss zugeben, dass ich bis zum letzten Moment dann doch
nicht bleiben wollte, der Stier hat mir leid getan.

Ich habe von nun an Augen und Ohren offengehalten und festgestellt, dass es sogar Frauen gibt,
die sich für diese Sache begeisterten wie bei uns die Fußballfans. Unsere nächste Urlaubsreise ging
dann nach Andalusien. Ich war von der Landschaft und den Menschen begeistert. Ich kann heute
auch noch nicht spanisch sprechen, aber ich verstehe eine ganze Menge. Man kann alles lernen und
ich lernte jedes Jahr dazu. Auch, wo und wann im Fernsehen Stierkampf übertragen wird. Ich habe
mir die Stierkampfzeitung 6Toros6 gekauft und versucht herauszufinden, worum es geht. Dabei
lernt man auch eine Menge Spanisch. Ich habe ein spanisches Buch gekauft "Die Geschichte der
Fotografie in Spanien anhand des Stierkampfes erläutert", weil da alte Bilder drin sind.
Aber es sollten ja auch ganz berühmte Männer, wie Picasso und Goya sich dafür begeistert haben,
also musste es auch etwas Schriftliches darüber geben. Zumal ich in Palma in einer Ausstellung der
Siute Vollard ganz tolle Picasso Federzeichnungen mit Stier und Stierkampf gesehen habe.
Jeder Papierschnipsel, der irgendwie damit zu tun haben könnte, wurde gesammelt und jede
Gelegenheit zur Recherche genutzt. Ich habe nach jedem Plakat-Anschlag auf den Straße mir den
Hals verrenkt, wo und wann Stierkampf stattfindet. Die berüchtigten Kämpfe bei denen der
Busshuttle gratis ist, habe ich Gott sei dank gleich ausgelassen, denn die waren mir von vornherein
suspekt.
Ich musste meinen Mann betteln mit mir nach Granada zu fahren und zum Stierkampf zu gehen. Ich
glaube, er hat an meinem Verstand gezweifelt. Dort zur Fiesta Corpus Christi im Juni finden eine
Woche lang gute Kämpfe statt.
Alle in unserer Familie hielten mich für bescheuert und dachten, das geht schon wieder vorbei,
aber mit jedem Stückchen Wissen wuchs auch meine Faszination. Das gipfelte darin, dass ich mich
für einen Sprachkurs in Madrid angemeldet hatte und der begann am 15. Mai 2001 genau zu San
Isidro.
Jetzt war für alle klar, dass ich völlig übergeschnappt bin. Ich bin auch alleine gefahren und mein
erster Weg führte mich nach Las Ventas. Meine Begeisterung kannte keine Grenzen. Ich habe mir
gleich am Montag Morgen, weil Feiertag war fiel die Schule an diesem Tag aus, eine Karte
gekauft. Ich war in der Arena mit 18000 Menschen und konnte es vor Aufregung gar nicht richtig
glauben.
Es war ein Erlebnis, dass ich wohl nie vergessen werde. Inzwischen hatte ich auch Hemingway
gelesen und meinte über alles Bescheid zu wissen.
In Deutschland musste ich feststellen, dass keiner meine Begeisterung teilt, die landläufige Meinung,
dass das Tierquälerei ist, war das einzige Argument, was ich zu hören bekam. Deshalb freue ich
mich umso mehr, endlich einige Leute gefunden zu haben, die meinen Spleen verstehen und
vielleicht auch teilen.
Um so mehr freue ich mich, dass es doch einige gibt, die diese Kunst mögen und suche so Kontakt
um Erfahrungen wissen und Gedanken aus zu tauschen.
Ich hoffe es meldet sich mal jemand bei mir.
 

Margitta Sándor


 
 
 
 
 
 


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Dr. Andreas Krumbein, 26. Feb. 2003